Der Tag, an dem ich Katrin traf

Grüße aus Parma: Auf sehr viel Interesse stießen Dr. Christina Ehlerts Erinnerungen an 1989 auch bei ihren europäischen Kollegen, von denen viele ‚Bleckede’ inzwischen korrekt aussprechen können.
Parma/Bleckede. Christina Ehlert war zehn Jahre alt, als die Mauer fiel, zu jung, schreibt sie, um sich ‚historische’ persönliche Erinnerungen an den 9. November 1989 ins Gedächtnis zu rufen. Heute arbeitet sie in einer EU-Behörde in Parma. Als ihre europäischen Kollegen sie anlässlich des 20. Jahrestages der Grenzöffnung baten, von 1989 zu erzählen, fragte sie zunächst ihre Mutter und die erinnert sich sehr gut: „Wir waren am Abend des 9. November alle zu Hause. Ich räumte in der ersten Etage ein wenig auf.“ Dann hörte sie die Stimme ihres Mannes aus dem Wohnzimmer: „Christel, die Grenzen sind offen! Mach den Fernseher an, ich kann es nicht glauben - die Grenzen sind offen!“. In der Tat - es war unglaublich.
Christina Ehlert mag es, wenn ihre Mutter von diesen Erinnerungen erzählt. Auch wenn sie diese Geschichte nun schon so oft gehört hat, bekommt sie dabei immer wieder eine Gänsehaut, gesteht sie. So hat sie gerade in diesem Jahr gerne wieder danach gefragt, wie es war am 9. November 1989, auch um für das institutsinterne Intranet einen kurzen Bericht über ihre Kindheitserinnerungen an diese Zeit zu schreiben.
Leere Strände und ein klares Bild vom Zaun
Das war die Gelegenheit, auch meinen Kollegen aus der EU ein Stück weit nahe zu bringen, wie wir Kinder die Grenzöffnung in Bleckede erlebt haben, so Christina Ehlert. „Wir wuchsen ja mit der Grenze vor unserer Nase auf. Auch wenn meine Erinnerungen an die Zeit vor `89 nicht allzu scharf sind, habe ich noch immer ein klares Bild von dem allgegenwärtigen Zaun auf der anderen Seite der Elbe vor Augen. Wenn wir am Elbstrand spielten, waren die Sandstrände am gegenüberliegenden Ufer leer. Unsere Nachbarn aus der DDR könnten nicht an die Elbe gehen, so wurde es uns erklärt, zu hoch wäre das Risiko, dass sie versuchen könnten, auf die andere Seite zu schwimmen oder zu tauchen. Wir sahen nie jemanden dort drüben.“ Das Gebiet hinter dem Zaun war als Sperrgebiet ausgewiesen, mit sehr wenigen Häusern und strengen Kontrollen für diejenigen, die dort lebten: Ausgangssperren, begrenzte Besuchsmöglichkeiten von Angehörigen, Zugang nur mit speziellen Passierscheinen, so Christina Ehlert.
„Mein persönlicher ‚link’ nach ‚drüben’ war Katrin. Ich fand Katrin - oder besser Katrin ‚fand’ mich - als ich acht Jahre alt war. An jedem Schulfest oder sonstigen größeren Ereignissen in Bleckede ließen wir Kinder Luftballons mit Postkarten und unseren Adressen in den Himmel steigen. Die Hoffnung muss gewesen sein, dass wir so auch zu jemandem aus der ehemaligen DDR Kontakt aufnehmen konnten. Wir waren ja so nahe an der Grenze und selbst meine Kollegen in Parma wissen, dass es in Norddeutschland recht windig ist.“
De Elv steiht!
Wochen nach dem Schulfest mit Luftballonwettbewerb von 1987 kam Post. „Ich war gerade beim Rüben hacken, als ich etwas rotes im Gebüsch zappeln sah …“, schrieb Katrin aus einem Dorf nahe Schwerin. Sie hatte Christines roten Luftballon mit Karte bei der Feldarbeit gefunden. „Ich erinnere mich noch heute Wort für Wort an die ersten Sätze, die sie mir zurück schrieb, Katrin und ich wurden dicke Brieffreundinnen. Als die Grenzen dann offen waren, war mein erstes Anliegen natürlich, Katrin zu treffen. Sie und ihre Familie kamen sofort zu uns und kauften noch am selben Tag ein neues Auto, damals in der Fritz-von-dem-Berge-Straße!“ Plötzlich gab es allerhand zu tun in Bleckede 1989, erinnert sich Christina Ehlert an die ‚wilden’ Tage danach. „Die Fähre startete ihren Dienst und verband Ost und West, unser Schulchor sang sogar zu ihrer Einweihung. Wir fuhren mit dem Rad ‚rüber’ und erkundeten, was wir an einem Tag erkunden konnten. Als auch die Stadt Bleckede 100 Mark ‚Begrüßungsgeld’ auszahlte, war der Ansturm zeitweise so groß, dass sich lange Warteschlangen bildeten. Unsere Familie wohnte damals gegenüber dem Rathaus, so dass wir viele der Wartenden trafen. Unser Hof war zugeparkt, meine Eltern boten heiße Getränken an und wärmten Babymilch auf. Der Winter `89/90 war so streng, dass man ‚Go East’ wörtlich nehmen konnte - die Elbe fror zu und wir gingen zu Fuß über das Eis. Die bewegendste Erfahrung für unsere Familie war sicherlich, dass mein Vater endlich seine Halbschwester treffen konnte, die in der inzwischen ehemaligen DDR lebte. Sie hatten sich nie zuvor gesehen und kannten sich nur aus Briefen und von Bildern.“
Und was ist heute, 20 Jahre später? „Die Fähre überquert weiterhin die Elbe, deren Wasser sauberer geworden ist, der Tourismus hat sich in Bleckede und Umgebung entwickelt und wir sind immer noch sehr bewegt, wenn wir Aufzeichnungen von 1989 sehen“, berichtet Christina Ehlert ihren europäischen Kollegen von Bleckeder Befindlichkeiten und hilft ihnen bei der korrekten Aussprache des Elbestädtchens. „Ich versuche, so gut wie möglich zu erklären und bin dankbar, dass ich ein Stück Wiedervereinigung so hautnah miterleben konnte.“ - Und Katrin? - „Ich sollte mal nachsehen, ob ich sie bei Studi VZ oder Facebook finden kann ...“ –ce/sn-
Zwischen Parmaschinken und Parmesan
Seit Oktober 2008 arbeitet die Bleckederin Dr. Christina Ehlert als wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde (EFSA) in Parma, Italien. Die EFSA ist für die Sicherheit von Futter- und Lebensmitteln auf dem europäischen Markt zuständig. Bevor sie nach Parma gegangen ist, lebte sie in Montpellier (Südfrankreich), wo sie im letzten Jahr ihre Doktorarbeit im Bereich Pflanzenwissenschaften abschloss, nachdem sie in Braunschweig, Straßburg und Brisbane (Australien) Biotechnologie studiert hatte. „Mit meiner Arbeit für die EU und dem Leben in Italien bin ich sehr glücklich; viel Abwechslung, einige Herausforderungen und ein bisschen dolce vita“, grüßt Christiane Ehlert an die Elbe. –ce/sn-
