14.07.2010

Letzte Spur im Wiebeck

Bad Bevensen/Dahlenburg. Am Samstag, kurz vor dem Morgengrauen, beendete der leitende Beamte Dirk Schaate vom Kriminal- und Ermittlungsdienst des Polizeikommissariates Uelzen den bisher wohl größten Rettungshundeeinsatz Norddeutschlands in diesem Jahr - vorerst ohne Ergebnis. In den Wäldern um Groß Thondorf scheint sich die Spur des Vermissten zu verlieren.

Insgesamt 8 Rettungshundestaffeln aus Norddeutschland hatten sich mit 87 zweibeinigen und 42 vierbeinigen ehrenamtlichen Helfern an der Suche nach dem 93-Jährigen beteiligt. Er war erst vor wenigen Wochen in ein Seniorenheim in Bad Bevensen gezogen, nachdem er in seiner in unmittelbarer Nähe gelegenen Wohnung allein nicht mehr zurechtkam. Vorher hatte er in Himbergen gelebt, ein ebenso bekannter wie respektierter Mitbürger. Und dorthin solle es ihn zuletzt immer wieder gezogen haben, bestätigten Zeugen, Sohn und die Enkelkinder.

Seit Donnerstagnachmittag galt er - zunächst - als vermisst. „Der ältere Mann ist teilweise zeitlich nicht orientiert, bekommt Medikamente und bedarf daher dringend ärztlicher Hilfe“, erklärte die Polizei in ihrer Presse-Meldung am Freitagmittag. „Ca. 170 cm groß, schlanke Gestalt, weißes, kurzes, aber volles Haar, er trägt eine Brille und einen Hut, ist bekleidet mit einem blau-weiß karierten Hemd und benutzt einen ‚Rollator’", so die Personenbeschreibung, doch "bisherige Fahndungs- und Suchmaßnahmen verliefen ohne Erfolg. Auch eine Radiodurchsage führte bislang zu keinen Hinweisen“. Nur der Sohn des Vermissten, der ihm tatsächlich ähnlich sieht, wurde von aufmerksamen Bürgern immer wieder gebeten, sich bei der Polizei zu melden, er würde gesucht. Zwischenzeitlich hatte der mit seinen Kindern gewohnte Wege abgefahren, Bekannte, Bus- und Bahnfahrer nach seinem Vater befragt - ohne verwertbares Ergebnis.

 

Alarm für die Hunde

Gegen 16 Uhr am Freitag entschloss sich die Polizei dann als ersten Schritt einer systematischen Suche, Rettungshunde einzusetzen, und alarmierte die Staffeln SAR Marienau und des DRK Lüneburg. Eine dreiviertel Stunde später waren Marienaus Hunde und Helfer zur Einsatzbesprechung in der neuen Polizeiwache in Bad Bevensen, kurz darauf stießen die Lüneburger dazu sowie eine Vertreterin der dortigen FEL. Unter der Einsatzleitung von Dirk Schaate übernahmen Dr. Helmut Schwarze (SAR Marienau) und Zugführer Norbert Dwenger (DRK Lüneburg) gemeinsam die Koordination der Suche.

Scheinbar einfache Sachverhalte zu klären, kann sehr schwierig sein. Sehr mobil sei der alte Herr, erläuterte Schaate, bereits am Donnerstag „spaziermäßig unterwegs gewesen“, jedoch erst seit Freitag morgen „abgängig“. Das hätte seine Chancen bei dieser Hitze verbessert und den zu scannenden Radius deutlich eingeengt. Von einer 100prozentigen Erfolgschance wollte jedoch niemand ausgehen.

Die hohen Temperaturen beeinflussen den Geruchssinn der Vierbeiner, auch das wird bei der Einsatztaktik berücksichtigt. Zunächst sollten Personenspürhunde das Altenheim vom Keller bis zum Dachgeschoss und die ehemalige Wohnung sowie die jeweils nähere Umgebung absuchen. Wenn diese eine Richtung vorgeben, ist es sinnvoll, mit den Flächenhunden ins Gelände zu gehen, bevorzugt dorthin, wo selten Passanten anzutreffen sind. Auch mit der ‚Ressource Hund’ muss unter solchen Bedingungen sorgfältig und schonend umgegangen werden.

Personenspürhunde kennt man aus dem Fernsehen. Ihnen hält man eine Geruchsprobe vor die Nase und sie spüren ausschließlich diesem Duft nach. Dabei sollte die Probe nicht mit anderen Gerüchen kontaminiert sein, sie wird von den Hundeführern nur mit Handschuhen angefasst und in Plastiktüten aufbewahrt. Die Hunde zeigen an, wenn sie den Geruch gefunden haben, und verfolgen dessen Spur. Wann diese gelegt wurde, können sie allerdings nicht verraten.

 

Spuren in der Umgebung

„Da habe ich ja ein gutes Gefühl, wenn ich ’mal verloren gehe“, kommentierte die Vertreterin des Seniorenheims in Bad Bevensen Trixies Suche im Obergeschoss. „Das trainieren wir auch dreimal die Woche“, Heike Herbrich und Cordula Bologna können nun sicher sein, dass sich der alte Herr dort nicht befindet. Unterdessen hat Lisi mit Carolina Burmester und Tatjana Hensel den Keller abgesucht.

Eine Geruchsspur führt vom Fahrstuhl des Altenheims, Luna vom DRK Lüneburg hat sie angezeigt, hinaus zum Elbe-Seiten-Kanal, bestätigen weitere Hunde unabhängig voneinander, dort zieht es sie parallel zum Ufer in nördliche Richtung. Allerdings, erklären die Hundeführer, wenn der Vermisste hier tatsächlich doch öfter spazieren gehe, könne es sich auch um eine ältere Spur handeln. Um dann die richtige Entscheidung zu treffen, sind möglichst genaue Kenntnisse über den üblichen Bewegungsradius des Vermissten wichtig, dazu gab es jedoch ebenso widersprüchlich Angaben wie zu dem Zeitpunkt, an dem er zuletzt gesehen wurde.

„Dass das so schnell gehen kann“, wundert sich der Sohn des alten Herren noch immer, vor drei Jahren sei sein Vater fast noch fitter gewesen als er, sie hätten gemeinsam in der Göhrde Holz gemacht und er sei kaum zu bremsen gewesen. Inzwischen habe der Vater zwar die Orientierung verloren, sei aber ausgesprochen mobil. Auch mit ‚Rollator’ unternahm er noch ausgedehnte Spaziergänge über mehrere Kilometer. - Noch am Donnerstag habe sie den alten Herren zum Seniorenheim zurückbringen müssen, berichtet eine Zeugin, die ihn auf einer Straße Richtung Himbergen angetroffen hatte. Die letzten Tage sei er besonders unruhig gewesen.

 

Zwischen Verschwundensein und Vermisstwerden

„Eigentlich braucht er ja nur einmal ins Gebüsch gegangen und dort umgekippt zu sein“, denkt die Polizistin laut, „da sieht ihn niemand, da sind Hunde schon gut.“ - Die anfängliche Zuversicht, mit der die beiden Staffeln gegen 17.45 Uhr an die Suche gingen, erhielt einen Dämpfer, als sich herausstellte, dass man den alten Herrn doch bereits am Donnerstag aus den Augen verloren hatte. Die abzusuchende Fläche wächst quadratisch mit der Zeit, die der Vermisste unterwegs ist. Es kann eine lange Nacht werden, ahnen die Helfer nun und alarmieren kurz vor 19 Uhr weitere Rettungshundestaffeln. Die BRH Hamburg und Harburg und die Freie Rettungshundestaffel Wendland versprachen zu kommen. Auch das DRK Schwarzenbek und die DLRG Stormarn, ASB Lauenburg und ASB Hamburg Bergedorf/Eimsbüttel machten sich auf den Weg nach Bad Bevensen, wo unterdessen die Flächensuche vorbereitet wurde. Inzwischen wird der alte Herr schon über 24 Stunden vermisst, die Hitze macht Sorgen. Es wird auch schwer für die Hunde, da die Luftfeuchtigkeit gering ist, müssen sie viel trinken, mit trockenen Schleimhäuten können sie nicht arbeiten.

Immer mehr Einsatzfahrzeuge der verschiedenen Hilfsorganisationen drängen sich in der Sackgasse am Seniorenheim, die wenigstens einige schattige Parkplätze zu bieten hat. Ein Generator versorgt unter anderem den Laptop des Einsatzleitfahrzeuges mit Strom. Über Funk und Mobiltelefon halten die suchenden Teams (zwei Menschen, ein Hund) Kontakt zur Einsatzleitung.

 

Neue Erkenntnisse

Außer den Gebäuden und der näheren Umgebung ist inzwischen das Gelände zwischen Dahlenburger Straße und Altem Hamburger Krankenhaus abgesucht, da erreicht Einsatzleiter Dirk Schaate die Information, dass der Vermisste im Gegensatz zu den bisherigen Aussagen am Donnerstagnachmittag kurz nach 17 Uhr im über 10 Kilometer entfernten Groß Thondorf gesehen worden sein soll - ein völlig neuer Aspekt. "Man staunt immer wieder, wie weit solche Herrschaften kommen", bestätigen Fachleute. Schaate lässt sich von Sohn und Enkeln Details beschreiben, die man nur wissen kann, wenn man den Herrn tatsächlich gesehen hat, nimmt ein Foto des Vermissten mit und fährt persönlich nach Groß Thondorf, um die Aussage zu verifizieren. Der Gesuchte sei dort in einem Garten gewesen, wirkte etwas erschöpft, als er angesprochen wurde, habe er sich umgehend Richtung Forst Wiebeck entfernt, wird Schaate nach seiner Rückkehr berichten, die Zeuginnen haben ihn glaubwürdig erkannt. Die Verlegung der Einsatzkräfte nach Groß Thondorf erfolgte um 22.04 Uhr.

Dort finden die Hunde eine Spur Richtung Bostelwiebeck, suchen noch stundenlang Wege und Flächen bis tief in den Wald ab, Mücken, Bremsen und Zecken belästigen Zwei- und Vierbeiner, doch ohne Ergebnis. Als Helfer und Hunde "aufgebraucht" sind, entscheidet die Polizei gegen 3 Uhr am Samstagmorgen den vorläufigen Abbruch der Suche. Die Wasserschutzpolizei hatte sich um den Elbe-Seiten-Kanal gekümmert.

 

Trotzdem ...

… auch wenn es allen lieber gewesen wäre, die Suche erfolgreich beendet zu haben, hinterlässt der Einsatz nicht nur Enttäuschung. "Es war schon toll, wie viele Leute von so weit her nach Bad Bevensen gekommen sind, um zu helfen, teils mit privaten Pkws auf eigene Kosten, manche mussten schnell noch einen Babysitter organisieren, andere haben liebe und verständnisvolle Nachbarn", fasst Dr. Helmut Schwarze seine ersten Eindrücke nach dem Großeinsatz zusammen und dankt dem ASB Hamburg auch dafür, dass er die nächtliche Verpflegung der Helfer übernommen habe. "Alle Beteiligten haben sehr gut zusammengearbeitet", so Schwarze und gibt zu Bedenken, dass die Partnerschaft zwischen Polizei und Rettungshundestaffeln eher noch in den Anfängen stecke. In einem solchen Vermisstenfall sei die Suche mit einem größeren Aufgebot an Hundestaffeln die effektivste Methode. Je früher eine Alarmierung erfolge desto Erfolg versprechender die Suche, wie im 'Musterbeispiel' Kovahl: vermisst um 10 Uhr, Alarm um 11 Uhr, unversehrt gefunden um 14 Uhr. Doch es ist üblich, dass bis zur Alarmierung 24 Sunden verstreichen.

Es war ein sehr großes Gebiet, dass es abzusuchen galt, Probleme mit der Funkreichweite mussten überbrückt werden, indem die Einsatzleitfahrzeuge zwischengeparkt wurden. Probleme machte den Einsatzkräften vor allem eines: Da war kein Netz in Groß Thondorf! Weder Mobiltelefone noch Internet funktionierten. Aus jedem Einsatz kann man auch etwas lernen. Schwarze hält die Einrichtung einer 'Zentralen Rettungshunde-Koordinierungsstelle' für wünschenswert, die Standards für Einsätze und Ausrüstungen festlegt. 

Auch wenn es in diesem Fall bislang nicht gelungen ist, den Angehörigen Gewissheit über das Schicksal des alten Herrn zu verschaffen, so konnte ihnen doch das beeindruckende Engagement der Helfer etwas Trost spenden. Möglicherweise wird die Suche wieder aufgenommen, wenn es eine neue 'heiße Spur' des Vermissten gibt. Die norddeutschen Hundestaffeln jedenfalls stehen ‚bei Fuß’. -EP-Redaktion/sn-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue