24.06.2010

Rodungsarbeiten in der Brut- und Setzzeit?

Leitstade. "Ach, das ist schön, dass Sie kommen - so viel Polizei, um den Naturschutz durchzusetzen ..." wurde das Aufgebot der Bundespolizei am späten Freitagabend auf dem Bahnsteig Leitstade begrüßt. Ganz spontan hatten sich dort zeitweise bis zu 50 Demonstranten, darunter Mitglieder der BI Dahlenburg, getroffen, um zu verhindern, dass die Bahn noch in der 'Brut- und Setzzeit' (bis Mitte Juli) Büsche rodet und Bäume fällt. Das ist nämlich verboten, eigentlich darf dann weder das Elbufer 'entbuscht' werden, noch der 'Fiffi' von der Leine. Doch die Bahn hat offenbar ihre eigenen Gesetze, die "Bahngesetze". Um ihrer Verkehrssicherungspflicht zu genügen, hatte das Unternehmen den Auftrag erteilt, die Vegetation jeweils drei Meter rechts und links der Gleise der Wendlandbahn mit schwerem Gerät auf 'Streichholzlänge' zu kürzen, seit über 10 Jahren war das nicht mehr geschehen. Das Zeitfenster hat die Bahn vorgegeben, mit dem im Herbst bevorstehenden Castortransport hat das natürlich nichts zu tun. Nun hatten die Maschinen des beauftragten Unternehmens aus Euskirchen jedenfalls gerade Zeit, beispielsweise die 'P-Schilder' wieder aus dem 'Urwald' zu schneiden, die den Zugführern signalisieren, wann und wo zu pfeifen ist. Bis Leitstade waren die Mitarbeiter gekommen, kaum zu vermeiden, dass ab Lüneburg dabei nicht nur Rehkitze und Vogelnester, sondern auch Blindschleichen und Schlingnattern auf der Strecke geblieben sind. Ein aufgeschlitztes Reptil hatten die Demonstranten als Beweis mitgebracht. Dass Wiese gemäht, dichtes Gebüsch geschreddert und Bäume mit einem Stammdurchmesser von um die 10 Zentimeter "umgemacht" wurden, blieb unwidersprochen.

 

Umleitung für die Feuerwehr

Gegen 21.30 Uhr am Freitag, nachdem der letzte Zug an diesem Tag Leitstade passiert hatte, sollten die drei Großgeräte ihr Werk fortsetzen. Doch da hatte ein Teil der Besucher die Gleise bereits besetzt, andere demonstrierten am Übergang oder diskutierten mit den Mitarbeitern, die "nur ihren Job machen" wollten und sich mit ihrem Auftraggeber ins Benehmen setzten. Dem Vorschlag der zu Hilfe gerufenen beiden Bundespolizisten, sich einen Meter weiter von den Schienen zu entfernen, folgten die Demonstranten nicht. Sie entzündeten gegen die aufziehende Kälte ein kleines Feuer auf dem Beton neben den Gleisen und bereicherte die Orientierungsfahrt der Feuerwehr Wietzetze, die mit zwei Einsatzfahrzeugen unvermittelt aus dem Wald auftauchte, um eine weitere Prüfung: Bitte fahren Sie einen kleinen Umweg ...

Schließlich kam die angeforderte Verstärkung, unter anderem war eine 'Festnahmeeinheit' aus Gorleben abgezogen worden, wo die Bundespolizei seit der Umzingelung wieder mehr Präsenz demonstriert. Allerdings war das Aufgebot eher nicht angerückt, um dem Naturschutzgesetz Geltung zu verschaffen. Auf der Suche nach dem „Versammlungsleiter" ‚umzingelten' die Ordnungshüter die Spontandemonstranten. Den gab es nicht - kein Aufzug, keine Räumung, aber wenigstens begangene Ordnungswidrigkeiten: "Sie haben auf den Gleisen gesessen, das habe ich gesehen!" - "Unmöglich, ich habe nicht auf dem Gleis gesessen!" - "Und sie haben DB-Gelände betreten!" - Vorsicht beim Überqueren der Schienen ist also immer geboten. Um mögliche Regressansprüche der Bahn durchsetzen zu können, wurden die Personalien aufgenommen. Ob die Rechte des Unternehmens höher zu bewerten seien als die des Naturschutzes, war bereits im Landkreis nicht unumstritten und konnte von den Einsatzkräften vor Ort kaum entschieden werden. Doch auch die Frage, ob die Bahn die Bundespolizei zur Durchsetzung zivilrechtlicher Ansprüche (Regress) nutzen kann, scheint theoretisch noch offen. Praktisch trugen die Ordnungshüter nicht wirklich zur Zerstreuung böser Ahnungen bei: "Sie wissen doch, Geld regiert die Welt!"

Für die Mitarbeiter des mit der 'Rodung' beauftragten Unternehmens neigte sich eine interessante Schicht (22 Uhr bis 6 Uhr) dem möglicherweise vorzeitigen Ende entgegen. An oberster Stelle (Bahn, Landkreis, Polizei) wurde kurz vor Mitternacht entschieden, die Fahrzeuge "einzugleisen" und auf Schienen gen Dannenberg zu verbringen, um eine Fahrt über die Straßen zu vermeiden. Die Arbeiter nahmen es gelassen, wunderten sich allerdings über den Auftraggeber, der diesen Ärger hätte vermeiden können, wenn er mit seiner Aktion gut drei Wochen auf das Ende der Brut- und Setzzeit gewartet hätte. Oder sollte es sich doch schon um einen erstes 'Castor-Vorchecking' gehandelt haben? -EP-Redaktion/sn-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue