Sommermärchen in Barcelona?
Nahrendorf. „Es sind auch Tränen geflossen“, gibt Vanessa Schenk (18) zu, Freudentränen. Vanessa Schenk vom SV Göhrde ist dabei, im Juli in Barcelona, sie ist im Team der deutschen U18-Nationalmannschaft, die in diesem Sommer in Spanien um die Weltmeisterschaft spielt. Das, was den Kickern der 1. Herren im Fuß fehlt, das hat die weibliche Jugend des SV Göhrde in der Faust: Erfolg.
Neben Vanessa Schenk, die als eine des 10-köpfigen National-Kaders das WM-Ticket nach Spanien bereits in der Tasche hat, steht ein weiteres Göhrder Top-Talent auf der 'Warteliste': Die 16-jährige Michaela Grywatz gehört zu den drei Nachnominierten, die zum Einsatz kommen, falls jemand aus dem Team ausfällt. Damit stellt der SV Göhrde zwei der besten 13 Faustballerinnen U18 Deutschlands!
Viele Lehrgänge waren vorausgegangen, Berufung in die Niedersachsenmannschaft, die um den Deutschlandpokal spielte - ein Sichtungsturnier für die Nationalmannschaft, aber nicht das einzige. Auch beim Hallenturnier in der Dahlenburger Dreifeldhalle (EP berichtete) scouteten die Trainer bereits Talente für die Weltmeisterschaft 2010 Ende Juli in Barcelona.
Anfang Mai kam dann die Einladung zum Bundeslehrgang nach Schneverdingen, erzählt Vanessa Schenk. Ihr Vater hatte ihr strahlend den Brief überreicht, den die Post gebracht hatte. „Ich hab den Umschlag geöffnet und es zuerst gar nicht richtig geglaubt.“ Sie gehörte zu den 23 besten Faustball-Mädchen der ganzen Republik, die dort vier Tage lang auf Ausdauer und Ballgefühl, Herz und Nieren überprüft wurden, um die 10 Besten für Spanien und die drei 'Nachrückerinnen' herauszusieben.
Teambildung per Internet
„Ich hab es mir schon gewünscht, aber nicht wirklich damit gerechnet. Wenn man die anderen Spielerinnen sieht, sind die immer besser“, seit einer Woche sind Vanessa Schenk und Michaela Grywatz aus Schneverdingen zurück, die ältere im WM-Team, die jüngere nachnominiert. „Meine letzte Chance in der U18“, so die 18-jährige Vanessa, „deswegen war die Freude umso größer.“ Die 16-jährige Michaela lächelt entspannt: „Ich hatte mich über die Einladung nach Schneverdingen fast erschrocken, für mich war das ein Traum, toll, diese ganzen Kontakte... Nun stehe ich hier in den Startlöchern für Barcelona und habe noch zwei Chancen für U18-Weltmeisterschaften nominiert zu werden.“
Schnelligkeit und Ausdauer, Ballgefühl und Koordination, Spinning und Waldlauf - rund 12 Stunden täglich wurde in Schneverdingen alles abgefragt, was zukünftige Weltmeisterinnen können müssen, der Entscheidungsprozess war schwierig, berichtet Vanessa, die 23 Spielerinnen waren alle ähnlich stark. Am Ende des Lehrganges stand auch der endgültige Kader für Barcelona fest. Besonders beeindruckte sie das Mentaltraining. Die Mädchen kennen sich kaum, müssen aber bis Juli eine Mannschaft geworden sein. „Da muss man sich fast blind aufeinander verlassen können, es muss einfach klar sein, wer wann welchen Ball annimmt“, erklärt Vanessa. Schon in Schneverdingen machten sie Fortschritte und bis zur WM hat das Team 'Mental-Hausaufgaben' zu erledigen, gleichzeitig an dasselbe denken und sich per Internet und E-Mail darüber auszutauschen, so stimmt man sich aufeinander ein.
„Ich bin schon ein bisschen aufgeregt, das ist meine erste Weltmeisterschaft, das ist schon etwas anderes“, gibt Vanessa Schenk zu. WM-mäßig ausgestattet ist sie bereits, nicht nur mit Trikots, auch 'Zivilbekleidung' ist dabei wie Sweater und Socken (aber ohne Schuhe). Die möchte sie natürlich in Spanien auch einmal spazieren führen: „Vielleicht haben wir ja Gelegenheit, einmal diszipliniert durch Barcelona zu gehen“, hofft sie.
Wir wollen Gold!
Hier muss ein Nest sein. Der Turnbezirk Lüneburg stellt die meisten Top-Faustballerinnen, weiß Ekhard Schenk (Faustballabteilung des SV Göhrde). Acht Länderteams treten bei der U18-Weltmeisterschaft gegeneinander an: neben Deutschland sind es Italien, Österreich, die Schweiz, Chile, Brasilien und für die spanischen Gastgeber Katalonien. Aber wie schätzen Trainer und Betreuer die Chancen der deutschen Mädchen bei der WM ein, wird es ein Sommermärchen geben? „Die sind schon gut“, versichert Schenk, neun der möglichen Teamkolleginnen von Vanessa spielen trotz ihrer Jugend bereits in der Bundesliga. „Wir wollen Gold holen“, sagt Schenk fast ohne zu zögern. Nach der Papierform sind die Deutschen durchaus Favoriten, auch die Jungen. Bei den ersten Jugendweltmeisterschaft in Bozen (Italien) 2003 holte die männliche U18 hinter Brasilien und Österreich den 3. Platz (die weibliche U18 hatte nicht gespielt), bei der 2. Faustball-WM 2005 in Llanquihue (Chile) sicherte sich sowohl die männliche als auch die weibliche deutsche U18 den Titel und 2008 in Swakopmund (Namibia) bei der 3. Jugendweltmeisterschaft wurden die Jungens Sieger, die Mädchen holten Silber hinter Österreich.
„Die schlagen ganz schön doll“, bestätigt der 9-jährige Bjarne Meyer, er kennt die Nahrendorfer Nationalspielerinnen. Bjarne ist einer der Hoffnungsträger der männlichen Faustballjugend im SV Göhrde. Seit zwei Jahren spielt er in der noch jungen Nachwuchsabteilung - nun ist er in die Bezirksauswahl M10 berufen worden. Und der Turnbezirk Lüneburg ist ganz schön groß, über Gifhorn reicht er bis Cuxhaven. Im September tritt der kleine Göhrder beim 'Niedersachsenschild', einem Turnier, bei dem acht Mannschaften um die Meisterschaft in ihrer Klasse spielen. -EP-Redaktion/sn-

