24.06.2010

„Wenn die Kinder artig sind“

Szene aus „Where the wild roses grow“

Szene aus „Where the wild roses grow“

Bleckede. Am vorletzten Tag des Elbschloss Festivals stellten sich junge Künstler der Hochschule für Musik und Theater Rostock im Schlosshof mit ihren künsterlischen Beiträgen zum Wettbewerb der Hochschule „HMT-Interdisziplinär“ vor. Der Wettbewerb der zum vierten Male ausgeschrieben wurde, will institutsübergreifende Projekte der Studierenden der Hochschule fördern und soll mindestens zwei künstlerische Bereiche - Musik, Schauspiel, Musikpädagogik bzw. Musikwissenschaft - einbeziehen. Die beiden Ensembles präsentierten zwei sehr unterschiedliche, kreative Projekte, die das Publikum im herbstlich kühlen Schlosshof zum Nachdenken und zum Lachen einlud.

Anlässe zum Lachen gab es allerdings erst im zweiten Stück an diesem Abend mit den diesjährigen Preisträgen des Wettbewerbs. Zunächst gab es eine absurde Geschichte mit dem Titel „Where the wild Roses grow“, basierend auf den Romanen und Musik von Nick Cave, Texten und Musik der Gruppe „Einstürzende Neubauten“ sowie Lyrik von Ingeborg Bachmann und Dante Alighieri. Christian Baumbach, Lukas Umlauft und Alina Wolff (aus dem Bereich Schauspiel), Konstantin Heuer (künstlerische Ausbildung Komposition, Klavier) und Daniela Petry (künstlerische Ausbildung, Kontrabass) haben die fantasievolle Collage aus dem Stoff kreiert. Der Protagonist Bunny Monroe (Christian Baumbach) ist ein Mann am Rande des Wahnsinns. Nach dem Tod seiner depressiven Frau, die sich das Leben nahm, während er bei seiner Geliebten war, findet er nicht mehr zurück ins Leben. Bunny leidet unter Gewissenskonfliken und Wahnvorstellungen, er wird verfolgt von zwei Teufeln, die ihm Dinge zuflüstern, die er nicht hören will. Auch die Stimme seiner Frau lässt ihn Tag und Nacht nicht mehr los und reißt ihn unentrinnbar dem Abgrund entgegen. Die Frage ins Publikum, ob es ihm trotz seiner Fehler verzeihen und ihn lieben könnte, bleibt unbeantwortet. Das Ensemble zeigt ein temporeiches, ausdruchsstarkes Spiel mit starken, von fetzigen Rythmen getragenen Dialogen, gewürzt mit einprägsamen Songs. Eine besondere Intensität erreicht Daniela Petry am Kontrabass, die sich als Munros tote Ehefrau mit ihrem Kontrabassspiel immer wieder in das Geschehen rückt.

Wer kennt es nicht, das grausamste aller Kinderbücher, „Der Struwwelpeter“? Philipp Heimke, Anna Keil, Anne-Elis Minetti und Michael Zehe haben daraus ein zusammenhängendes Bühnenstück gemacht, das die bekanntesten der „Böse-Kinder-Geschichten“ modern und urkomisch darstellt und musikalisch mit frechen Songs unterstreicht. Dabei wird der erhobene Zeigefinger der hinter den Geschichten steckt, auch immer wieder relativiert. Wie bei der Geschichte von Hans-Guck-in-die Luft, der immer den Blick zum Himmel richtete, statt auf die Erde und am Ende in den Fluss fiel und ertrank. Hier kam die Rechtferigung aus dem Ensemble: „Also, ich habe ihn gemocht, den Hans, so ein junger Mann muss sich doch mit etwas beschäftigen“. Das Publikum erlebt, wie Kaspar, der plötzlich seine Suppe nicht mehr aß, Paulinchen, die mit dem Feuer spielte, Philipp, der immer herumzappelte, und Konrad, der Daumenlutscher erbarmungslos an ihren kleinen kindlichen Unartigkeiten untergehen, völlig unverstanden von der Erwachsenenwelt. „Fragen Sie sich doch mal selbst, was für ein Dreck vor Ihrer eigenen Türe liegt!“, heißt am Ende auch die Botschaft dieser neuartigen Interpretation der Bilderbuchgeschichte. Die jungen Schauspieler, die die Preisträger des diesjährigen HMT-Wettbewerbs sind, agieren von Anfang an mit enormer Bühnenpräsenz. Sie sind ebenso stark in den Dialogen wie in den Musikbeiträgen, die sie mit Gitarren, Bass, Schlagzeug und Keyboards begleiten. Das Publikum reagiert, mischt sich ein und feiert am Ende mit langem Applaus. -EP-Redaktion/swr-

Nachrichten aus dem Landkreis Lüneburg und der Elbtalaue