Alles hat seine Zeit ...
Hamburg. Der 18.07.2010 wird in die hamburgische Geschichte eingehen, ein Tag über den in der Hansestadt noch lange gesprochen wird. Nach fast neun Jahren trat der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) von seinem Amt zurück. In den letzten Monaten zermürbte den 55-Jährigen der Dauerstreit um die Schulreform, die per Volksabstimmung von den Hamburgern - wenige Stunden nach dem Rücktritt - in großer Mehrheit abgelehnt wurde.
Bereits am Nachmittag kam der CDU-Landesvorstand in seiner Geschäftsstelle am Leinpfad im Stadtteil Eppendorf zu einer außerordentlichen Landesvorstandssitzung zusammen. Berichterstatter aus ganz Deutschland und viele Zuschauer versammelten sich in der ruhigen Wohnstraße direkt an der Alster. Gegen 15 Uhr traf Ole von Beust ein, als er aus der Limousine stieg, umringten ihn gleich Kamerateams, der Bürgermeister lächelte freundlich und ging forschen Schrittes in den Sitzungssaal der Parteizentrale. Wenige Minuten zuvor waren Innensenator Christoph Ahlhaus, der von Beust im Amt des Bürgermeisters nachfolgen soll, und der Hamburger CDU-Chef Frank Schira vorgefahren. Niemand sagte etwas.
Über zwei Stunden dauerte die Sitzung. Den wartenden Journalisten dämmerte es: Ole von Beust hört auf. Es war 17.13 Uhr, als sich die Türen öffneten - von Beust wirkte nun angespannt, stieg in sein Auto, sein Chauffeur fuhr ihn ins Rathaus. Unter den Zuschauern formierte sich Unmut: “Wir sind das Volk”, war zu hören. Schnell war das geschäftige Treiben beendet, alle waren auf dem Weg in die Innenstadt. Der Weg war beschwerlich, denn wegen des parallel stattfindenden Triathlon waren viele Straßen gesperrt, Autos und Busse kamen nicht durch. Journalisten hasteten zur U-Bahn. Im Spiegelsaal stieg die Spannung.
Um 17.45 Uhr trat Ole von Beust ans Rednerpult und kündigte seinen Rücktritt zum 25.08.2010 an. „Alles hat seine Zeit”, sagte der CDU-Politiker, der in der letzten Zeit die Mehrheit der Hamburger nicht mehr hinter sich hatte. Schulreform, Streit um die Elbphilharmonie und die innere Sicherheit sind Dauerthemen in der Stadt.
Innerhalb eines halben Jahres wurden fünf junge Menschen ermordet, unter anderem Mel D. Der 19-Jährige wurde von einem jugendlichen Intensivtäter am U-Bahnhof Jungfernstieg erstochen. Die Tat entfachte die Diskussion um die Sicherheit neu, gerade junge Menschen bekundeten ihre Furcht, abends allein auf die Straße zu gehen. Der Bürgermeister zeigte zwar Verständnis, sprach aber von “bedauerlichen Einzelfällen”.
Brandanschläge auf Autos von Unternehmen sind schon lange keine Seltenheit mehr in Hamburg. Doch am 15. März begann eine unheimliche Brandserie auf Fahrzeuge von Privatleuten im Stadtteil Winterhude. Annähernd 230 Autos sind bereits in Flammen aufgegangen. Die Täter platzieren gewöhnliche Grillanzünder auf Vorder- oder Hinterreifen, bis es zum Ausbruch des Feuers kommt, dauert es eine Zeit lang. In der Nacht vom 9. auf den 10. Juli 2010 brannte ein kompletter Güterzug im Hafen aus, seine Ladung: Neuwagen. Täglich gibt es neue Spekulationen: Handelt es sich um Attacken aus dem Rotlichtmilieu von Leuten, die sich gegen Kontrollen auf dem Kiez zur Wehr setzen wollen, denn gerade in unscheinbaren Spielhallen wird viel - schmutziges - Geld gewaschen? Reinhard Chedor, der Hamburger LKA-Chef sagt unmissverständlich: “Da steckt minutiöse Planung dahinter. Die Tatorte werden sorgfältig ausgewählt, vermutlich sogar tagelang zuvor ausbaldowert und die Fluchtwege eingeprägt. Die überlassen nichts dem Zufall.” Doch auf die Frage, was die Brandstifter wirklich antreibt, hat die Kripo statt Antworten nur Hypothesen. Versuchen gestörte Jugendliche durch die schweren Straftaten auf ihre innere Leere aufmerksam zu machen? Suchen Pyromanen zwanghaft Nervenkitzel? Kommen die Täter vielleicht sogar aus dem Sicherheitsbereich? Sind es militante Autogegner, die gegen die wachsende Motorisierung protestieren? Sind die Täter Rechtsradikale, die Angst und Schrecken verbreiten wollen? Existiert gar eine neue Form linker Opposition? Sind Erpresser am Werk, die Politiker oder Firmen der Hansestadt unter Druck setzen?
An jenem Sonntag, an dem der Hamburger Regierungschef seine Demission bekannt gab, war unter den Zuschauern vor der CDU-Parteizentrale auch ein ehemaliger Polizeibeamter, der mit seiner Digitalkamera die Wagenkolonne ablichtete. “Das kann ich mir gut vorstellen, dass da Erpressung hinter steckt”, so der Mittsechziger. Der Bürgermeister ist heftig kritisiert worden, dass aufwändige Hubschrauberflüge ebenso ergebnislos blieben, wie das Abriegeln ganzer Stadtteile. Ole von Beust und sein designierter Nachfolger Christoph Ahlhaus wirken gerade bei dieser unheimlichen Brandserie überfordert - für erfahrene Politiker, die die innere Sicherheit seit Jahren zu ihrem Steckenpferd erklärt haben, befremdlich.
Der umsichtige Hanseat von Beust weiß genau, dass er bei der nächsten Wahl keine Chance mehr hätte, die Umfragen sagen bereits heute einen hohen Verlust für die Union voraus. Niemand weiß, wie es politisch weitergeht, wird Ahlhaus wirklich neuer Bürgermeister, halten dann die guten Vorsätze der Partner? Neuwahlen wären vielleicht eine bessere Lösung, denn das Volk müsste jetzt das Zepter in die Hand bekommen. Die politischen Zeiten in Hamburg bleiben spannend, an den Ufern der Elbe kann es immer zu Turbulenzen kommen. –EP-Redaktion/br-

